Montag, 8. Februar 2021

Cornelius Castoriadis, Der große Schlaf der »Demokratien«*

Die Blindheit der Menschheit angesichts der katastrophalen Probleme, mit denen sie konfrontiert ist, ist beispiellos. Der Nichtigkeit der Politikerreden entspricht die Bedeutungslosigkeit der Themen, die die Intellektuellen, Politologen und Philosophen umtreiben. Die Zivilisation, der Reichtum und die »Demokratie«, über die sich alle endlos auslassen, sind das Vorrecht höchstens eines Achtels der Menschheit. Die restlichen sieben Achtel leben in Elend, Hunger und Tyrannei. Reichtum und »Demokratie« des ersten Achtels hängen von internationalen strategischen und ökonomischen Gleichgewichten ab, deren Anfälligkeit offensichtlich ist. Sie sind in Wahrheit erkauft durch irreversible Zerstörungen der Erde. Damit die einen weiterhin gemästet werden können und die anderen nicht gleich alle an Hunger sterben, werden die Wälder vernichtet, die Tiere und Pflanzen zu Zigtausenden ausgerottet, wird die Zusammensetzung der Atmosphäre, das Klima und die Temperatur von todbringenden Veränderungen bedroht und die Umweltverschmutzung zum allgemeinen Phänomen.

In den reichen Ländern ist psychische und moralische Verarmung an die Stelle materiellen Elends getreten. Nicht, dass letzteres verschwunden wäre; man hat geschafft, es auf 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung zu konzentrieren. Der Rest kann sich so weiterhin der konsumistischen und televisuellen Selbstbefriedigung hingeben. Apathie, Zynismus, Verantwortungslosigkeit, Privatisierung und Gleichgültigkeit gegenüber den gemeinsamen Angelegenheiten sind die Charakteristika des zeitgenössischen »Zappanthropos«, eines neuen, rasch sich ausbreitenden Typus des Menschseins, verherrlichtes Produkt wie Bedingung der Herrschaft des »liberalen Individualismus« zugleich.

»Demokratische« Gesellschaften: In Wahrheit sind sie liberale Oligarchien. Liberal, weil sie die institutionellen Ergebnisse der großen demokratischen und sozialen Kämpfe der Vergangenheit bewahren. Oligarchien, weil die Zahl derer, die an der tatsächlichen (wirtschaftlichen, politischen und »kulturellen« Medien-) Machtausübung beteiligt sind, minimal ist. Von den [im Jahr 1989] 37 Millionen [erwachsenen] Bürgern Frankreichs zum Beispiel üben keine 37.000 Personen (eine von 1.000) irgendeine nennenswerte Macht aus. Die Zahl liegt wohl näher bei 3.700 (eine von 10.000) – eine Relation, die die römische Oligarchie vor Neid erblassen ließe.

Das bisschen politische Nörgelei und die geringfügigen Interessenunterschiede zwischen den Clans verdecken die grundsätzliche Solidarität der verschiedenen Gruppen, die Deals miteinander machen. Und während sie durch diese oder jene Maßnahme regelmäßig die Stimmen oder die Duldung einer in korporatistische Organisationen und Lobbys auseinanderfallenden Bevölkerung kaufen, verteidigt jeder krampfhaft, was er für seine Interessen hält. Das Ganze bildet offensichtlich ein System. Der Rückzug der Individuen ins Private stützt die Oligarchien, die diesen Rückzug ins Private wiederum aktiv fördern. Dahinter steckt keine Verschwörung: Diese Entwicklung ist nur möglich, weil diese Faktoren sich gegenseitig stützen. Unter diesen Umständen ist es naiv, sich zu fragen, warum es eine Spaltung zwischen Volk und »politischer Klasse« gibt. Die »Ideen« der Politiker sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen; ihre durchaus vorhandenen Unterschiede sind mikroskopisch. Das Regime selbst – das »repräsentative« Regime – ist dafür gemacht, die Leute aus den öffentlichen Angelegenheiten herauszuhalten. Die wahre gesellschaftlich-geschichtliche Zeit – die Zeit der Ungewissheit und eines Entwurfs – ist verdeckt. Für die Zeit der Werbung gilt: »Morgen ist schon heute«, wie es ein wunderbarer Slogan von Philips ausdrückt.

Triumph des »liberalen« und »individualistischen« Imaginären. »Die Modernen erstreben Sicherheit der privaten Genüsse [jouissances]; sie bezeichnen als Freiheit die Rechtsgarantien, die die Institutionen diesen Genüssen gewähren«, schrieb Benjamin Constant 1819 zustimmend.(1) Genau da sind wir nun endlich gelandet. Aber wie lange wird man sich dieser Garantien, dieser Genüsse noch erfreuen? Das System funktioniert, weil es immer noch Arbeiter gibt, die Schrauben festdrehen, Lehrer, die lehren, Richter, die Recht sprechen – während nichts in der vorherrschenden Mentalität und »Moral« sie dazu motivieren könnte, so etwas zu tun. Das System überlebt, weil es menschliche Verhaltensweisen aus der Vergangenheit ausbeutet, die es zugleich lächerlich macht und die es nicht reproduzieren kann. Auf lange Sicht kann nicht einmal die kapitalistische Wirtschaft weiter funktionieren, wenn mit Spekulationsgeschäften oder dem Promoten von Madonna leichter Geld zu verdienen ist als mit der Gründung von Unternehmen.

Setzt er sich fort, kann der rasende Schlaf der Menschheit nur Ungeheuer gebären.


Anmerkungen

* »Le grand sommeil des ›democracies‹«, zuerst erschienen in: L’Express vom 7. April 1989. Wiederabgedruckt in: Cornelius Castoriadis, Écologie et politique, suivi de correspondances et compléments (Écrits politiques, 1945-1997, VII), herausgegeben von Enrique Escobar, Myrto Gondicas und Pascal Vernay, Éditions du Sandre, Paris 2020, S. 405-407. Auf Deutsch zuerst erschienen: Im Labyrinth, Nr. 4 (2020), S. 13-15. (Aus dem Französischen von Harald Wolf.)
(1) Benjamin Constant, »De la liberté des anciens comparée à celle des modernes« (dt.: »Über die Freiheit der Alten im Vergleich zu der der Heutigen«, in: Benjamin Constant, Werke IV, Frankfurt/Berlin/Wien 1972, S. 363-396, hier: S. 381 f. Der von Castoriadis zitierten Formulierung gehen folgende Sätze bei Constant voraus: »Das, was die Alten anstrebten, war die Verteilung der staatlichen Gewalt unter alle Bürger eines Landes. Das war es, was sie Freiheit nannten.« Vgl. vor allem Cornelius Castoriadis, »Das griechische und das moderne politische Imaginäre« (1991), in: Philosophie, Demokratie, Poiesis. Ausgewählte Schriften 4, Lich 2011, S. 93-121 (Anmerkung des Übersetzers).

Mittwoch, 25. März 2020

Helmut Dahmer, Pestzeit


Der österreichische Bubikanzler hat die Grünen schon einbalsamiert. Die schwören nun ganz laut auf die neueste Volks- als Solidargemeinschaft. Alle gegen die Seuche. Die ist eine Art Meteorit oder Vulkanausbruch, vom Himmel gefallen oder als Erdgeist aufgetaucht, und reitet nun (neben Ritter, Tod und Teufel) auf allen Handelswegen, Touristen- und Migranten-„Strömen“ blitzschnell von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, springt über alle chinesischen, amerikanischen, ungarischen und israelischen Mauern und Zäune, gerade so, wie in den alten Pestberichten – bei Boccaccio und Poe, bei Stifter („Granit“) und J. P. Jacobsen („Die Pest in Bergamo“), vor allem (und uns am nächsten) aber bei Camus (La Peste mit dem tapferen Dr. Rieux), der freilich (1947) vor allem die braune Pest im Auge hatte. Alle Nationalen sehen jäh ihren Traum erfüllt: Schlagbäume runter, Migranten & Viren draußen halten: Ach, wenn doch immer Pestzeit wäre… - wir könnten dann ganz unter uns zugrunde gehen. Und, wie bei der „Bankenkrise“ neulich: Kleine und mittlere Unternehmen erhalten Soforthilfe, nicht aber kleine und mittlere Schuldner, Arbeitslose, Kurzarbeiter, Obdachlose, nicht zu reden von ärmeren Kinderreichen, Flüchtlingen, Migranten, Asylanten... Und siehe da: Die ökonomisierten und privatisierten Gesundheitssysteme sind (kaum überraschend) nicht epidemiefest. Da schauen viele voll Sehnsucht nach Fernost, wo die Postmaoisten (also die noch nachglimmende „rote Gefahr“ im „Ameisen“- und Überwachungsstaat) sich der akuten „gelben“ Gefahr so trefflich mit dem Rapidbau von Krankenhäusern in Wuhan bewährt haben. Ja, die schaffen das, so wie sie es in Tibet und in Sinkiang schaffen. Also: Grenzen dicht und Freiwillige vor! Ob Pest, ob Tschernobyl, ob Fukushima. Das ist die Tageslosung, und alle Autoritären atmen auf… Sie brauchen den Ausnahmezustand, nicht die schwerfällige (parlamentarische) Demokratie. Es ist der Tag der Disziplinierer und ihres Gegenstücks, der Paranoiden, die (wie immer) nach den „wahren Schuldigen“ suchen. Wollte nicht „Soros“ ohnehin den Bevölkerungsaustausch, sind nicht die Viren dem oder jenem Geheimlabor entflohen, haben nicht die „Migranten“ sie eingeschleppt, sind nicht vielleicht doch die 68er schuld, die die laxen Sitten eingeführt (!) haben und die Volksgemeinschaftsdisziplin ruinierten, die noch die (Ur-)Großväter im totalen Krieg bis ganz zuletzt so gut bei der Stange hielt, dass sie (1945) nicht im Traum daran dachten, sich statt um Führer, Kanzler und Volksgemeinschaft um Haben & Nichthaben, Herr & Knecht zu kümmern…

(Wien, 16. 3. 2020)

Samstag, 7. April 2018

Mai 68: La brèche


Einmal mehr naht sie wieder: die Zeit der Nachrufe auf "1968". Bei dieser Gelegenheit soll hier auf einen der meiner Ansicht nach luzidesten Versuche, sich einen Reim auf dieses Datum zu machen, hingewiesen und seine Lektüre empfohlen werden, und zwar zur Abwechslung einen zeitgenössischen: Unter dem Titel Mai 68: La brèche publizierten Edgar Morin, Claude Lefort und Cornelius Castoriadis (unter dem Pseudonym Jean-Marc Coudray) bereits im selben Jahr ihre Analysen des "Pariser Mai". Der Beitrag von Castoriadis trägt den Titel "La révolution anticipée", "Die vorweggenommene Revolution".

"Der 'Mai 68' schlug eine Bresche ins Gebäude der herrschenden kapitalistischen Unordnung und öffnete den Weg zu einem selbstbestimmten Leben. Geblieben davon ist vor allem ein wiederkehrendes Jubiläumsspektakel. Cornelius Castoriadis hat in 'Die vorweggenommene Revolution' bereits inmitten der 'Ereignisse' die ambivalente Bedeutung des 'Mai 68' hellsichtig analysiert: die Fluchtlinien einer autonomen Gesellschaft, die sich hier abzeichneten, aber auch die Gefahren der Vereinnahmung und Erneuerung von Herrschaft. 20 Jahre später hat er in einer Polemik gegen postume Verfälschungen ('Die Bewegungen der sechziger Jahre') nochmals energisch auf die vergessene emanzipatorische Bedeutung hingewiesen. Deren Wiederbelebung ist heute überfällig - und dafür enthalten die beiden Castoriadis-Texte wertvolle Anregungen."

So steht es auf dem Umschlag des vor zehn Jahren im Verlag Syndikat-A erschienenen Bändchens Mai 68 | Die vorweggenommene Revolution, das die beiden Aufsätze von Castoriadis enthält und immer noch lieferbar ist. Auch Claude Leforts Beitrag zu dem Gemeinschaftswerk ist damals - unter dem Titel Die Bresche - in deutscher Übersetzung erschienen. Sie haben über die bleibende Bedeutung der damaligen politischen Explosion immer noch mehr zu sagen als ein Großteil der späteren und heutigen Darstellungen und Aufbereitungen.  

Sonntag, 12. November 2017

Russland 1917: Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle


100 Jahre ist es nun her, dass die russische Revolution einen entscheidenden welthistorischen Einschnitt zu markieren schien, der zu den weitreichendsten und hochfliegendsten Befreiungshoffnungen Anlass gab - die indes bald schon gründlich, grausam und blutig zerstört werden sollten. Vielleicht sind ja alle Revolutionsjubiläen ohnehin konterrevolutionär (Ilja Kalinin); jedenfalls kommt anlässlich des russischen überwiegend verwelkter Unsinn, zurückhaltend ausgedrückt, zu Tage bzw. wird recycelt und so mancher Abgrund tut sich schrecklich gähnend auf (als nicht weiter zu kommentierender hier beispielsweise der von Dietmar Dath).

Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die aus der russischen Revolution schließlich als siegreich hervorgegangenen Kräfte ein besonders intimes Verhältnis zu gezielt fabriziertem Unsinn und zur politischen Lüge unterhielten. Als sichtbares Zeichen dessen sei bloß an den Namen des sich herausbildenden neuen Staates erinnert: UdSSR. "Vier Buchstaben - vier Lügen!", kommentierten etwa Boris Souvarine (als erster?) oder später Cornelius Castoriadis diese Selbstbezeichnung. Denn weder handelte es sich hier ja um eine Union (als Vereinigung Gleicher), noch um Sozialismus, Sowjet-, d.h. Rätemacht, oder um Republiken. Wenn etwas als dauerhaft und bis heute im Grunde überall weiterhin siegreich an dieser Machtergreifung sich herausstellte, dann solche fraglos akzeptierten öffentlichen Lügen.

Auch und nicht zuletzt der Begriff der "Arbeiterkontrolle" gehört in die Reihe solcher ideologischen Mystifikationen und Verblödungsmechanismen, die heute längst Allgemeingut aller massenmedialen Manipulationstechniken sind. Es ist das bleibende Verdienst von Maurice Brinton (d.i. Christopher Pallis), derartige Mystifikationen am zentralen Beispiel dieses Begriffskomplexes nüchtern und umfassend dokumentiert und überaus wirkungsvoll destruiert zu haben. Angesichts des vielen Jubiläums-Unsinns und der erwähnten Abgründe besteht aller Grund, an seine Schrift Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle (zuerst 1970) zu erinnern und diese hier in elektronischer Form zur Verfügung zu stellen, damit sie (wieder-)gelesen werden kann.

Freitag, 4. November 2016

Ungarn, aufgehende Sonne

Zu den wenigen vorbehaltlosen Befürwortern der ungarischen Revolution gehörten damals die Surrealisten. Sie verteilten im November 1956 ein Flugblatt mit dem Titel "Hongrie, soleil levant" - "Ungarn, aufgehende Sonne".

Sonntag, 23. Oktober 2016

Harald Wolf: Die ungarische Revolution und der Autonomieentwurf


Am 23. Oktober 2016  jährt sich zum 60. Mal der Ausbruch der ungarischen Revolution von 1956 -  ein würdiger Anlass zum Rückblick und zur politischen Reflexion. Die ungarische Revolution markiert einen tiefen Einschnitt in der Geschichte des osteuropäischen Realsozialismus, ihre welthistorische Bedeutung steht außer Zweifel. Dass sie im kollektiven Gedächtnis dennoch keinen rechten Platz hat, ist symptomatisch. Es wirft ein Licht auf das heute vorherrschende Verhältnis zur Vergangenheit - und auf den generellen „Anstieg der Bedeutungslosigkeit“ in einer Gegenwart, die allen Fragen, die für unsere gesellschaftliche Entwicklung und Zukunft von substantieller Bedeutung sind, konsequent ausweicht und einem besinnungslosen "business as usual" folgt. Eine solche substantielle Frage - die politische Frage per se - hatte die ungarische Revolution, wie ein Blitz aus dem düsteren Kalte-Kriegs-Himmel der 1950er Jahre mit Macht auf die geschichtliche Tagesordnung gestellt: die Frage nach realer Demokratie und nach einer selbstbestimmten Gesellschaft.

Was aber ist bis heute der Hauptsinn, den man den Ereignissen von 1956 in Ungarn gibt? Den einer frühen und heroischen Etappe im letzten Endes - durch den Zusammenbruch der UdSSR und die Auflösung des Warschauer Pakts - erfolgreichen Kampf um nationale Unabhängigkeit von der totalitären sowjetischen Unterdrückung. 1989/90 – Abschaffung des Einparteiensystems, Einführung der westlichen Form des Kapitalismus und Abzug der sowjetischen Truppen – wird in dieser Sichtweise zur Erfüllung der Hoffnungen und Forderungen von 1956. Der Hauptsinn von Ungarn 56 liegt – jedenfalls für uns – jedoch anderswo: im Streben nach Autonomie und radikaler Demokratie. Die ungarische Revolution war nämlich ein weiteres Beispiel jener bahnbrechenden Momente revolutionärer Spontaneität der arbeitenden Bevölkerung, in denen mit der Rätedemokratie eine neue Form gesellschaftlicher Selbstinstitution aufgetaucht und kurze Zeit erprobt worden war, wie zuvor etwa in Russland 1917/18 oder in Spanien 1936. Der vorsichtigen Entstalinisierung von oben setzen im Juni 1956 die Arbeiterinnen und Arbeiter im polnischen Poznán eine resolute Bewegung von unten entgegen. Ihr Streik wird militärisch niedergeschlagen, stößt aber politische Reformen an und ist für viele in Osteuropa ein Fanal. Mit einer Solidaritätskundgebung für die Polen beginnt am 23. Oktober in Budapest die ungarische Revolution - eine Kette spontaner Aktionen, an denen sich fast alle Schichten der Bevölkerung beteiligen und die binnen kurzem den bisher alles beherrschenden Partei- und Staatsapparat pulverisiert. Bis Ende Oktober entstehen überall Räte, die sich daran machen, die Idee wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Selbstbestimmung in die Tat umzusetzen.

Diese spontanen Ansätze zu einem demokratisch-selbstbestimmten Neubeginn wurden freilich schon im November von russischen Panzern in Schutt und Asche gelegt. Die Bresche, die die ungarische Revolution ins Gebäude der im Kalten Krieg erstarrten Nachkriegsgesellschaften und in Richtung eines autonomen Gemeinwesens geschlagen hatte, war schon wenige Monate später, nach der Entmachtung und Auflösung der letzten revolutionären Räte, wieder geschlossen. Im Osten wurde die ungarische Revolution als Konterrevolution denunziert und später totgeschwiegen, im Westen als nationalistische Volkserhebung zu vereinnahmen versucht. Diese Vereinnahmungstradition setzt heute in Ungarn das autoritäre Orbán-Regime schamlos fort. Aber auch von den Intellektuellen wird sie - abgesehen von wenigen rühmlichen Ausnahmen, wie derjenigen von Castoriadis oder Hannah Arendt - kaum gewürdigt und bald vergessen.

Was ist heute noch aus diesen Erfahrungen zu lernen, worin besteht die Aktualität der ungarischen Revolution? Es bieten sich verschiedene Anknüpfungspunkte für eine vergegenwärtigende Diskussion an, die wir auf einer Veranstaltung am 29. Oktober 2016 in Berlin führen wollen (und für die jetzt vorliegende neue Castoriadis-Übersetzungen Material liefern). Einige Parallelen zum Schicksal der syrischen Revolution scheinen mir frappierend zu sein. Stephen Hastings-King hat in einem erhellenden Beitrag über "The Syrian Revolution and the Project of Autonomy" einen Satz von Yassin al-haj Saleh aufgegriffen: „Syria is a methaphor for a global crisis of representation.“ Wirklicher Dissens und Widerstand werden heute entweder durch bestimmte mediale Mechanismen de-thematisiert und de-repräsentiert oder aber brutal vernichtet und ausgelöscht. Beides verstärkt sich gegenseitig und führt so auf die eine oder andere Weise zum Verschwinden und raschen Vergessen. Im sanften Autoritarismus, der in den liberalen Oligarchien des Westens inzwischen herrscht, beobachten wir ersteres; im harten Autoritarismus, der in unterschiedlicher Couleur die übrige Welt dominiert, permanent letzteres. 1956 spielten – in der Terminologie von Castoriadis – der westliche fragmentierte und der östliche totale bürokratische Kapitalismus, gegen den die Ungarn sich erhoben, die entsprechenden Rollen. Und wie seinerzeit die der ungarischen, so führt heute die Vernichtung der – 2011 im „arabischen Frühling“ begonnenen – syrischen demokratischen Revolution zu einer gewaltigen Flüchtlingsbewegung und weltweiten Diaspora, die freilich den sanften kapitalistischen Autoritarismus der Metropolen von heute nachhaltiger erschüttern und „heimsuchen“ könnte als damals die ungarische.*

* Nachbemerkung am 27.10.16: Wie ich gerade erst sehe, findet einen Tag nach unserer Ungarn-Veranstaltung (also am 30.10.) passender Weise ebenfalls im Haus der Demokratie und Menschenrechte eine Podiumsdiskussion unter dem Titel "Was bewegt die aufständische Bevölkerung in Syrien - auch heute noch? Wie könnte Solidarität aussehen?" statt.

Montag, 6. Juni 2016

Andrea Gabler/Harald Wolf, An Anthology Unpublished: Who Is Afraid of "Socialisme ou Barbarie"?


Once upon a time, in the 50s and 60s of the bygone century, there were some bold people united in a tiny revolutionary group in France calling itself „Socialisme ou Barbarie“ („Socialism or Barbarism“). In dark times, in a journal of the same name they published seminal analyses of the Eastern and Western capitalistic systems of oppression and exploitation calling out to sabotage and abolish these systems.

A decade ago (2007), former members of „Socialisme ou Barbarie“ - Helen Arnold, Daniel Blanchard, Enrique Escobar, Daniel Ferrand, Georges Petit, and Jacques Signorelli - edited an anthology of texts published in the journal in the French publishing house Acratie (La Bussière), with texts, amongst others, by Cornelius Castoriadis, Claude Lefort, Jean-François Lyotard, and Daniel Mothé. Now, after a long time and initiated by David Curtis, for many years the translator and editor of Castoriadis’ writings, and by Richard Greeman, director of the International Victor Serge Foundation, there should have been published an extended English edition of this anthology, translated by Curtis, at Pluto Press, London.

But the publication of this edition, already announced in the autumn preview of Pluto Press, is now being stopped. The contracts on which this project was based were nullified in an apparently unilateral manner by the Victor Serge Foundation and Pluto Press. A grave act indeed, for which one can expect explanatory statements. What has happened?
(Here you can continue [PDF].)